Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie

Ein Systemwandel ist nötig

Der Umsatz im Schlachterei- und Fleischverarbeitungsgewerbe in Deutschland steigt nach wie vor an und lag zuletzt bei über 47 Milliarden Euro. Die Fleischindustrie, die etwa 150.000 Arbeiter*innen beschäftigt, ist auf Billigfleischproduktion für den Weltmarkt ausgerichtet. Mit traditionellen Ländern des Fleischexportes wie Argentinien, Brasilien oder den USA kann die Fleischindustrie in Deutschland (einem Land mit vergleichsweise kleinen Flächen) nur Schritt halten, da unentwegt Futtermittel für die Tierhaltung importiert werden. Der Sojaimport aus zerstörten Regenwald- und Feuchtsavannengebieten in Südamerika und die hiermit verbundenen Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen stehen sinnbildlich für die fortwährende neokoloniale Ausbeutung des Globalen Südens.

Die „Konkurrenzfähigkeit“ der Industrie wird aber auch durch miserable Arbeitsbedingungen in den immer weiter expandierenden Großkonzernen aufrecht erhalten. Das Geschäftsmodell von Unternehmen wie Tönnies, Vion, Westfleisch oder PHW (Wiesenhof) beruht auf prekären Beschäftigungsverhältnissen, niedrigen Lohnkosten und der Überausbeutung der überwiegend migrantischen Beschäftigten.

Auch wenn es in den vergangenen Jahren einige Veränderungen im Bereich der Arbeitsbedingungen in der Tierindustrie gab, sind die Zustände immer noch hochgradig ausbeuterisch, problematisch und zudem rassistisch geprägt. Auch andere Bereiche der Nahrungsmittelproduktion sind von prekären Arbeitsbedingungen betroffen, so z.B. die Saisonarbeit im Gemüseanbau. In diesem Text wollen wir jedoch den Blick explizit auf die Fleischindustrie werfen.

Um für eine solidarische und ökologische Agrarwende zu kämpfen, halten wir es für notwendig sich mit den aktuellen Arbeitsverhältnissen auseinanderzusetzen, sich gegen die (rassistische) Ausbeutung zu stellen und gemeinsam die Zustände zu verändern!

Knochenjobs, Akkordarbeit und Überausbeutung

Die Arbeit in den Schlachtfabriken ist harte Arbeit. Für solche Knochenjobs finden sich kaum deutsche Bewerber*innen. Auch deshalb sind die Betriebe auf ausländische Arbeiter*innen angewiesen. Zehntausende Arbeitskräfte aus Ost- und Südosteuropa halten die Produktion hierzulande am Laufen. Die Unternehmen machen sich hierbei die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit in den Herkunftsländern zu Nutze, um Arbeitnehmer*innen zu möglichst niedrigen Löhnen zu beschäftigen.

Die Arbeit ist gekennzeichnet durch einen hohen Leistungsdruck, Akkordarbeit und strenge hierarchische Beziehungen. Der überwiegende Teil der Tätigkeiten ist monoton, körperlich anstrengend und aufgrund des Lärms und der kalten Umgebung gesundheitlich belastend. Die zumeist männlichen Vorarbeiter*innen erzeugen zusätzlichen Druck um die Arbeiter*innen zur Einhaltung der vorgegebenen Leistungsnormen anzutreiben, nicht selten durch Anschreien, Drohungen und körperliche Gewalt.

Der Arbeitsschutz wird oftmals nicht eingehalten. Die Beschäftigten arbeiten unter hohem Zeitdruck mit gefährlichen Arbeitswerkzeugen, deren Wartung und Reparatur häufig von der Arbeitszeit abgezogen wird. Pausen sind spärlich und nicht einmal ausreichend, um in Ruhe etwas zu Essen oder regelmäßig auf die Toilette gehen zu können. Durch das allgemein hohe Arbeitspensum, den Stress und die daraus hervorgehende Erschöpfung passieren Arbeitsunfälle generell häufiger.

Sich gegen diese Zustände zu wehren, ist schwierig. Häufig kennen Arbeiter*innen ihre Rechte nicht, haben nicht ausreichende Deutschkenntnisse, um Verträge und Schreiben zu verstehen und arbeiten trotz der niedrigen Arbeits- und Lohnstandards aus finanzieller Not und mangelnden Alternativen in der Fleischindustrie. Durch die Unterbringung in Unterkünften mit anderen Arbeiter*innen und die mangelnde Zeit, die hohe Erschöpfung, sowie Sprachbarrieren sind sie häufig sozial isoliert. Lokale Behörden unternehmen zudem wenig Anstrengungen die Familien der Beschäftigten in das gesellschaftliche Leben der Wohnorte zu integrieren.

Die Fluktuation der Beschäftigten ist groß, viele Menschen verlassen die Fleischfabriken und Schlachthöfe aufgrund dieser Zumutungen. Das System ist daher darauf angewiesen, dass immer wieder neue Menschen nachkommen, die zu diesen Bedingungen arbeiten. Die Fleischkonzerne werben neue Beschäftigte oftmals direkt in den Herkunftsländern an – oft mit großen Versprechungen und nicht selten mit zwielichtigen Methoden. So unternahm Tönnies im Frühjahr 2022 Anwerbeversuche an der ukrainischen Grenze, um die Situation der vor dem Krieg flüchtenden Menschen auszunutzen und sie als Arbeitskraft für den Niedriglohnbereich zu gewinnen.

Das „System Tönnies“ und die Selbstorganisation der Arbeiter*innen

Größere Aufmerksamkeit erreichten die Arbeitsbedingungen im Sommer 2020: Die Fleischindustrie war zu diesem Zeitpunkt Hotspot der Corona-Pandemie in Deutschland. Der Umgang der Unternehmen mit dem erhöhten Infektionsgeschehen war bezeichnend: Die Produktion lief weiter auf Hochtouren und wurde gegenüber der Öffentlichkeit mit einem vermeintlichen Auftrag zur Versorgungssicherheit der Bevölkerung gerechtfertigt. In den Fabriken wurden selbst basale Hygienevorschriften nicht eingehalten. Zu allem Übel versuchten die Unternehmensleitungen, die Beschäftigten aufgrund vermeintlichen Fehlverhaltens für die Ausbrüche verantwortlich zu machen, nicht selten entlang rassistischer Deutungsmuster.

Schnell entbrannte eine Debatte über die elenden Beschäftigungs- und Lebensverhältnisse der dort prekär beschäftigten, meist migrantischen Arbeiter*innen. Im Fokus der Kritik stand das System der Werkvertragsbeschäftigung. Arbeiter*innen der Fleischkonzerne waren bisher überwiegend nicht bei den Unternehmen angestellt, sondern bei formal eigenständigen Subunternehmen. Die Konzerne konnten den Arbeiter*innen damit auch grundlegende Arbeitsrechte vorenthalten und entledigten sich so der Verantwortung für den fehlenden Arbeitsschutz und die schwierigen Wohnbedingungen. Die Fleischkonzerne profitierten über Jahre von diesem Geschäftsmodell, das von Gewerkschaften, Arbeitsrechtsinitiativen und Medien oftmals als „System Tönnies“ betitelt wurde.

Die Arbeiter*innen und ihre Familien waren jedoch nie bloße Opfer der widrigen Verhältnisse, wie Medienberichte oft suggerieren. Sie setzten sich schon immer für eine Veränderung ihrer Situation ein und rückten in Interviews und Reportagen die Perspektiven migrantischer Arbeiter*innen eigenständig in den Fokus der Debatte. Trotz einer Situation, in der der Verlust der Beschäftigung oftmals auch den Verlust der Wohnunterkunft und anderer Formen der sozialen Absicherung bedeuten, fanden wilde Streiks zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen statt, die bis auf wenige Ausnahmen öffentlich allerdings kaum wahrgenommen wurden.

Arbeitsschutzkontrollgesetz, Streiks und die Reaktion der Konzerne

Die Politik reagierte auf den öffentlichen Druck mit der Einführung des Arbeitsschutzkontrollgesetzes. Dieses Gesetzespaket verpflichtete die Konzerne Arbeiter*innen direkt im Unternehmen und nicht über Werkverträge zu beschäftigten. Den Beschäftigten wurde damit ermöglicht, für Tarifverträge und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in den Streik zu treten und Betriebsräte zu wählen. Weitere Maßnahmen machten eine digitale Arbeitszeiterfassung verpflichtend, ebenso wurden die Beratungsangebote des DGB-Projekts „Faire Mobilität“ durch öffentliche Finanzierung ausgebaut.

Das Werkvertragsverbot gilt allerdings ausschließlich für größere Betriebe und betrifft (nur) die Kernbereiche Schlachtung, Fleischverarbeitung und Verpackung. In den ebenfalls gering entlohnten Bereichen der Industriereinigung, Überwachung und Technik sowie der Ausstallung können weiter Arbeiter*innen über Werkverträge beschäftigt werden, wovon Unternehmen wie Tönnies auch weiterhin Gebrauch machen.

Die Beschäftigten machten sich die Neuregelungen dennoch zu Nutze: Es dauerte nicht lang, bis ein von der Gewerkschaft NGG initiierter und überwiegend von migrantischen Arbeiter*innen getragener Streik dazu führte, dass in der Fleischindustrie 2022 ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag mit höheren Lohnuntergrenzen durchgesetzt wurde. Warnstreiks fanden unter anderen bei Tönnies, Vion und Danish Crown statt.

Die Unternehmen lassen dagegen keinen Zweifel offen, dass sie am alten System der Ausbeutung festhalten wollen: Bereits die Einführung des Arbeitsschutzkontrollgesetzes wurde durch Klagen von Lobbyverbänden und Unternehmen versucht zu torpedieren. Tönnies setzt aller Kritik zum Trotz nach wie vor Subunternehmen ein, etwa um neue Beschäftigte im In- und Ausland zu rekrutieren. Andere ehemalige Subunternehmer*innen haben mittlerweile als Vorarbeiter*innen einen festen Platz im Gefüge der Fabriken gefunden. Medienberichte und Reportagen bringen die Konzerne regelmäßig in Erklärungsnot, wenn es um Lohndumping, fehlenden Arbeitsschutz oder die harten Arbeitsbedingungen geht (siehe unten). Sie zeigen zudem auf, dass sich an den Wohn- und Lebensbedingungen vor Ort nur punktuell etwas geändert hat.

Ein weiteres grundlegendes Problem ist die geringe Kontrolldichte durch Behörden. Pro Jahr finden in gerade einmal fünf Prozent der Betriebe finden Arbeitsschutzkontrollen statt: Ein Einfallstor für die systematische Umgehung grundlegender Arbeitsrechte.

Ein Systemwandel ist nötig

Die vergangenen Jahre haben gezeigt: Die Konzerne veranlassen Verbesserungen immer erst dann, wenn sie den medialen Druck nicht mehr aussitzen können, sie über gesetzliche Regelungen gezwungen werden oder Beschäftigte durch Streiks Veränderungen erkämpfen.

Als Bündnis sehen wir es daher als unsere Aufgabe den Druck nicht abebben zu lassen. Die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie sind nach wie vor ein Skandal. Wir rufen dazu auf die Arbeiter*innen in ihren Auseinandersetzung mit den Fleischindustrie-Konzernen zu unterstützen – durch eine aktive Öffentlichkeitsarbeit und durch eine praktische Beteiligung an Streiks und anderen Formen von Arbeitskämpfen.

Aber es geht auch darum langfristige Veränderungen zu erstreiten: Die Durchsetzung eines Systems prekärer, gering entlohnter und durch Überausbeutung geprägter Beschäftigungsverhältnisse in der Fleischindustrie ist nur eines von mehreren schwerwiegenden Problemen der überwiegend privatwirtschaftlich organisierten Lebensmittelproduktion. Im kapitalistischen Konkurrenzkampf um Anteile auf dem eng umkämpften Fleischmarkt werden Kosten in alle Richtungen gedrückt. Die Folgen sind auch im Hinblick auf die Soja-Futtermittelproduktion, die gnadenlose Ausbeutung der Tiere sowie Klima- und Umweltbelastungen gravierend.

Wir fordern daher die Tierindustrie zu vergesellschaften und auf eine sozial-ökologische, klimagerechte und pflanzenbasierte Nahrungsmittelproduktion umzustellen. Eine entsprechende Transformation bietet auch die Möglichkeit dauerhaft verbesserte Arbeitsbedingungen in der Branche zu etablieren statt nur die allerwidrigsten Auswüchse anzuprangern.

Weitere Informationen:

Beratung und Support für Beschäftigte:

  • Die Gewerkschaft NGG berichtet über Entwicklungen, Streiks und ruft zur Organisierung auf.
  • Das Projekt Faire Mobilität bietet Beratung vor Ort und Informationen für migrantische Beschäftigte in verschiedenen Sprachen.
  • Die Arbeitslosenselbsthilfe Oldenburg (ALSO) bietet Beschäftigten aus der Fleischindustrie im Oldenburger Münsterland Unterstützung und informiert über aktuelle Entwicklungen.

Podcasts zum Thema von Gemeinsam gegen die Tierindustrie

Literatur:

TV-Reportagen:

Hintergrund zur Fleischindustrie: