Camp und Massenaktion bei PHW-Wiesenhof in Rechterfeld ein voller Erfolg! – Eindrücke zur Aktion „PHW ade“ des Bündnisses Gemeinsam gegen die Tierindustrie

Vom 12.-17.Juli 2021 waren wir als Bündnis „Gemeinsam gegen die Tierindustrie“ mit unserem lang geplanten Camp in Rechterfeld bei Vechta in Niedersachen präsent, um unseren Widerstand gegen die Tierindustrie an den Ort des Geschehens zu bringen. Mit einer Massenaktion des zivilen Ungehorsams blockierten wir 10 Stunden lang die Hauptzentrale des dort ansässigen „Geflügelproduzenten“ PHW, dem milliardenschweren Mutterkonzern der bekannten Marke Wiesenhof.

Los ging es schon im Juli 2019, als sich das Bündnis „Gemeinsam gegen die Tierindustrie“ gegründet hat. Menschen aus unterschiedlichen Bewegungen und Kämpfen setzten sich ein gemeinsames Ziel: Im Frühling 2020 sollte die PHW-Zentrale in Rechterfeld blockiert werden, um damit auf die Ausbeutung von Menschen, anderen Tieren und der Umwelt aufmerksam zu machen. Leider kam die Coronapandemie dazwischen und wir beschlossen, unser Vorhaben auf 2021 zu verschieben.

Vom 12.-17. Juli fand dann ein Camp und eine offen angekündigte Massenaktion unter dem Motto „PHW Ade – Shut down Tierindustrie“ bei der PHW-Zentrale in Rechterfeld, Niedersachsen statt. Der Großraum Vechta ist ein Ballungsraum der deutschen Tierindustrie, der von Schlachtkonzernen, Futtermittelwerken, Mastanlagen und Fleischverarbeitungsbetrieben geprägt ist. Allein im Landkreis Vechta leiden über 13 Millionen Tiere in industriellen Zucht- und Mastanlagen. Unser geplanter Protest zeigte schon im Vorhinein Wirkung: In der Woche vor dem Camp und der Massenaktion hatte der PHW-Konzern einen Teil der öffentlichen Zufahrtststraße von der Gemeinde aufgekauft und darauf einen riesigen Zaun, sowie eine Schleuse aus riesigen Holztoren aufgebaut, um sich vor Aktivist:innen und Protesten zu „schützen“. Auch an den anderen Standorten von PHW in der Region fuhr der Konzern eine massive Security-Präsenz auf, um Proteste zu verhindern.

Trotzdem schafften wir es, am 15. Juli die Zentrale des Geflügelschlachtkonzerns PHW mit dem Futtermittelwerk MEGA Tierernährung für rund 10 Stunden zu blockieren. Dabei forderten wir lautstark den Ausstieg aus der Tierindustrie und eine sozial gerechte Agrarwende. Nachdem der in Goldenstedt gestartete Demonstrationszug in Rechterfeld zunächst von der Polizei aufgehalten wurde, konnte die Demonstration die Polizeiblockade vor den „Toren“ der PHW Zentrale überwinden. 200 Aktivist*innen blockierten die Zufahrtsstraße zur PHW-Zentrale mit einer Sitzblockade. Außerdem gab es vor Ort in der Nähe der Blockade eine angemeldete Mahnwache. Das Tor wurde mit Transparenten behangen, die die Forderung nach einer sozial-gerechten, ökologischen und pflanzenbasierten Agrarwende zum Ausdruck bringen. Wir halten Aktionsformen des zivilen Ungehorsams für ein wichtiges und legitimes Mittel des politischen Protests. Denn als Gesellschaft läuft uns die Zeit davon. Wir müssen jetzt die Tierindustrie überwinden, um die schlimmsten Folgen der Klimakrise zu verhindern. Und auch das Leiden und Sterben der Tiere in den Mastanlagen und Schlachthöfen muss ein Ende haben. PHW tötet jährlich über 300 Millionen Hühner und Puten. Das Leid der Tiere in den Mastanlagen sorgte in der Vergangenheit mehrfach für öffentliche Skandale. Betriebe des Unternehmens erwiesen sich im Zuge der Coronakrise immer wieder als Infektions-Hotspots. Zudem stehen seit Jahren die Arbeitsbedingungen in den Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben in der Kritik.

Bereits lange vor dem Campbeginn Mitte Juli meldeten wir das Camp als Versammlung an. Allerdings wurde eine Genehmigung für die angemeldeten Campflächen und auch alternative Flächen vom Landkreis Vechta systematisch abgelehnt. Durch diese Verzögerungstaktik sollte offensichtlich zivilgesellschaftliches Engagement für eine dringend nötige Agrarwende unmöglich gemacht und auch die Mobilisierung für das Camp und die Aktion erschwert werden. Letztendlich mussten wir vor dem Oberverwaltungsgericht mit einem Eilklageverfahren das Recht auf Versammlungsfreiheit erfolgreich durchsetzen und so den Landkreis zu einer Versammungsbestätigung und Zuweisung einer der von uns vorgeschlagenen Flächen zwingen. Sofort begann der Aufbau des Camps auf einer Fläche nahe des Hartensbergsee in Goldenstedt. Die Schikane des Landkreises ging allerdings weiter: unverhältnismäßige Auflagen, wie z.B. das Hinterlegen einer Sichereitsleistung in Höhe von 10.000 Euro, mehrere Veterinäramtskontrollen und massive Einschränkungen bezüglich der Campfläche erschwerten Aufbau und Durchführung unseres Camps unnötig.

Auf dem Camp gab es ein vielfältiges Programm mit Workshops, Vorträgen und Diskussionsrunden zur Kritik an der Tierindustrie. Dabei konnten sich die Campteilnehmer*innen über die katastrophalen Folgen der Tierindustrie für Klima, Umwelt, Arbeitnehmer*innen und Tiere austauschen. Auch Aspekte wie die Futtermittelimporte, Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen und die möglichen Wege zu einer umfassenden Agrarwende wurden thematisiert. In der lokalen Bevölkerung stieß das Camp auf großes Interesse, löste aber auch Kritik aus. Neben täglichen Campführungen für Anwohner*innen gab es viele Gespräche mit interessierten und besorgten Menschen aus der Region, die gar nicht so selten eine eigene, ganz ähnliche Kritik an der ansässigen Tierindustrie hatten wie wir. Aufgrund der persönlichen Kontakte konnten Fragen beantwortet, Standpunkte ausgetauscht und viele Vorurteile abgebaut werden, denn die allermeisten Gespräche waren konstruktiv und angeregt. Es gab allerdings auch spürbare Kritik und Bedrohungen von einigen Landwirt*innen vor Ort, die versuchten uns durch andauernde Präsenz vor dem Camp und Lärm einzuschüchtern.

Wir erfuhren jedoch auch viel Unterstützung von befreundeten Strukturen und Initiativen, was deutlich hervorhebt, dass der Kampf gegen die ausbeuterische Tierindustrie uns alle betrifft! Schon vor dem Campbeginn wurde von vielen Medien kritisch über die Verhinderungsversuche des Camps berichtet. Und auch im Zuge der Massenaktion und der überzogenen Abschottungsversuche von PHW gab es viel Aufmerksamkeit von regionalen und überregionalen Zeitungen und Medien wie z.B. vom NDR, RTL und der Süddeutsche Zeitung, mehrere dpa-Meldungen wurden in zahlreichen Medien zitiert. (Nähere Infos sind im Pressespiegel auf unserer Webseite www.gemeinsam-gegen-die-tierindustrie.org zu finden).

Für die Organisation des Camps und der Aktion wurde das ganze Jahr über innerhalb und außerhalb des Bündnisses eng miteinander gearbeitet. Wir haben lange im Vorfeld u.a. die Selbstverwaltung des Camps geplant, gewissenhafte Hygienemaßnahmen und Awarenessstrukturen erarbeitet. Trotz geringer Kapazitäten und großem Aufwand haben wir es geschafft das Camp erfolgreich und vielfältig zu gestalten und haben uns nach dem Ende des Camps und der Massenaktion zusammengesetzt, um eine gründliche Reflektion zu ermöglichen. Wir haben alle viele Kompetenzen dazugewonnen und sind sehr dankbar für jegliche Unterstützung von Unterstützer*innen aus der Region und von Menschen, die uns vor allem bei der Infrastruktur des Camps tatkräftig geholfen haben. Ohne diese, sowie die Teilnahme von Campbesucher*innen an der Selbstorganisation in Form von Schichten für Verpflegung, Hygiene und co, beim Campauf- und abbau usw., hätten wir dieses Camp nicht so durchführen können. Im Verlauf der Nachbesprechung innerhalb des Bündnisses haben wir natürlich auch das Feedback von Camp- und Aktionsteilnehmer*innen mit in unsere Reflektion genommen und beschäftigen uns weiterhin mit wichtigen Aspekten und aufgekommenen Diskussionen wie z.B. Diskriminierungsstrukturen, Umgang mit der Polizei und Verhalten gegenüber Kritik und Anfeindungen. Wir werden uns auch weiterhin mit diesen Themen auseinander setzen und bei zukünftigen Aktionen beachten, um Driskiminierungsstrukturen abzubauen. Uns ist bewusst, dass nicht alles perfekt gelaufen ist und wir wollen weiterhin daran arbeiten Räume zu schaffen, in dem alle Menschen respektiert werden und sich wohl und sicher fühlen. Viele Menschen aus der Tierrechtsbewegung und Klimabewegung konnten wir mobilisieren, sowie auch Vertreter*innen von Arbeitsrechtsinitiativen und Gewerkschafter*innen. Daran wollen wir auch in Zukunft arbeiten, dass wir mehr Menschen erreichen und mobilisieren können.

Die Aufmerksamkeit durch die Presse und von unseren Unterstützer*innen hat uns geholfen, die Notwendigkeit einer umfassenden Agrarwende zum Wohl der Umwelt und Tiere aufzuzeigen und diesen Diskurs in der Öffentlichkeit zu stärken. Wir freuen uns, wenn wir unser erworbenes Wissen und die erlernten Kompetenzen weitergeben können für weitere Campstrukturen und Aktionen, und solidarisieren uns mit Klimagerechtigskeits-Bewegungen und Arbeiter*inneninitiativen. Falls ihr Interesse an näheren Informationen habt oder im Bündnis mitmachen wollt, schreibt uns gerne an (mail@gemeinsam-gegen-die-tierindustrie.org).

Die Blockade des PHW-Konzerns in Rechterfeld bewerten wir auf jeden Fall als Erfolg. Wir haben es geschafft, mit PHW einen der größten deutschen Tierindustriekonzerne für 10 Stunden lahmzulegen. PHW hat viel Geld und Ressourcen investiert, um unsere Proteste zu unterbinden und war damit alles andere als erfolgreich! Wir haben uns nicht aufhalten lassen und haben zivilen Ungehorsam geleistet, um für eine Landwirtschaft zu protestieren, die nicht auf Kosten von Menschen, Tieren, Umwelt und Klima passiert. Wir sind mit der lokalen Bevölkerung ins Gespräch gekommen und haben unsere Forderungen und Visionen zur Diskussion gestellt.

Wir müssen unbedingt als Gesellschaft über die Transformation der Landwirtschaft diskutieren. Mit unserem Camp und der Aktion haben wir dazu einen Beitrag geleistet, denn klar ist: Die Tierindustrie ist nicht zukunftsfähig! Um diese kraftvoll und erfolgreiche angreifen zu können, müssen wir uns zusammen tun und gemeinsam mit anderen Gruppierungen und Menschen gegen die kapitalistischen Bedingungen und die aus ihnen resultierenden Folgen wie die Klimakatastrophe vorgehen. Gemeinsam gegen die Tierindustrie!